Der Beginn der Weberinnen-Reise
… und weiter geht’s im «Entwicklungsroman» von mcm-Handwerk. Wie aus der Homepage und den angebotenen Produkten ersichtlich bin ich von Beginn weg am kreativ Experimentieren. Das führt nicht immer zum vollen Erfolg. Einige Techniken wollen geübt sein, einige sogar sehr lange, bis Tastatur-gewöhnte Bürolistenfinger die notwendige Geschicklichkeit erlangen, ein präsentables – und nicht zu vergessen funktionales – Produkt herzustellen.
Für vieles gibt es mittlerweile Anleitungen auf dem Internet, sei dies auf Youtube (den Rand der Kinderdecken anzustricken habe ich so herausgefunden auf dem Link: https://www.youtube.com/watch?v=VpAa9xnRzdQ ), sei dies auf einschlägigen Homepages von Garnlieferanten, Mercerie- und Bastel-Anbietern etc. Gewisse Techniken wie Stricken und Nähen (von Hand und mit Maschine) lassen sich mit Hilfe des Internet gut erweitern. Allerdings, Anleitungen unter dem wachsamen professionellen Auge einer Fachinstruktorin sind unübertroffen im Vermitteln und Vertiefen von Handwerkstechniken. Insbesondere dann, wenn man – wie ich – in der Kindheit eigentlich ein solides Fundament in der Schule vermittelt bekam, dann aber lange Jahre die schlummernden Talente brach liegenliess.
Die einzige Technik, die ich nicht in der Schule mitbekam, war Weben. In 2010 dann ein erster, einwöchiger Kurs bei Mieke van Santen in der «Wärchstuba» Klosters. Eine Woche Aktivferien der anderen Art und ein Erlebnis!
Gleich schon am ersten Tag, nach der Vorstellungsrunde einfach mal drauflosplanen und kreativ einen Schal entwerfen. Und Mieke, der geduldigste Coach, hat meine verrückten Ideen und Unerfahrenheit mit viel Fachwissen in die richtigen Bahnen gelenkt.
In dieser Woche lernte ich einen Webzettel entwerfen, berechnen, bekam eine erste Idee, wie man eine Kette herstellt, die aufgezogen werden konnte, konnte meinen ersten Webstuhl einrichten und den ersten Schal weben.

Ausserdem gab’s noch jeden Morgen Theorie in Material- und Bindungslehre sowie viele zusätzliche Informationen über Bücher, Adressen und Kontakte. Faszinierend! In einer einzigen Woche eine komplett neue Welt entdeckt und zum ersten Mal in über 40 Jahren ein Produkt hergestellt und in Händen gehalten.
Den Schal benutze ich heute noch, ein Produkt in Wolle und Shape-Seide, ein erster Versuch progressiv zunehmend breiter Streifen in blau und grau. Und die ganzen Unterlagen habe ich sorgfältig aufbewahrt. Die konsultiere ich heute noch nach nun 10 Jahren weben; vor allem die Unterlagen zur Bindungslehre. Die Faszination hat mich seither nicht mehr losgelassen.
Der nächste Kurs fand dann zwei Jahre später statt. Im Zwischenjahr hatte ich einmal am Winterweben teilgenommen. Eine fantastische Idee der Wärchstuba-Leiterinnen: die Webstühle im Winter während der kursfreien Zeit Weberinnen ohne eigenen Webstuhl für Projekte gegen einen kleinen Obolus zur Verfügung zu stellen. Für die Einrichtung des Webstuhles, für die Erstellung der Kette und allfällige Hilfe beim Zettel stand zu Beginn wieder Mieke zur Seite und dann ging es los mit selbständig weben.
Der Kurs im Jahr 2012 war dann voll «back-to-the-roots», nämlich weben mit dem Backstraploom. Mit einigen Rundholzstäben, 4 Schraubzwingen, einem Gurt, etwas Schnur und selbstgemachten Litzen ein wirklich sehr, sehr einfaches Webgerät hergestellt. Eines mit dem auch heute noch in Südamerika, Afrika, Asien, Skandinavien etc. die schönsten Gewebe hergestellt werden. Im Grunde genommen ein Vorgänger des Kammwebens (die Kette wird an einem Punkt festgebunden, die einzelnen Fäden durch einen Kamm gezogen, an einem Stab festgebunden und durch auf und ab-bewegen des Kamms entsteht ein Fach, in das die Schussfäden eingelegt werden können).

Beim Backstrap-loom wird die Kette ebenfalls an einem festen Punkt angebunden. Allerdings über einen Stab gelegt. Das hat den Vorteil, dass auch breitere Gewebe möglich werden. Die einzelnen Fäden werden je auf Litzen aufgefädelt diese Litzen dann wieder auf Stäben geordnet.
Mit dem Litzenstab werden die Litzen angehoben, das Schwert erweitert das Fach, so dass ein Schiffchen mit einer Garnspule durchgeschossen werden kann.
Das zweite Ende der Kette wird an einem Stab angebunden und dieser dann mit Schnur an einem Gurt um den Rücken des Webers verbunden. Damit wird durch Vor- und Zurücklehnen die Spannung der Kette verändert, so dass das Fach geöffnet, geschossen und angeschlagen werden kann. Ein sehr ursprüngliches Webgerät. Eines, das im Prinzip aus Stäben, Schnüren und Garn besteht. Und welches bereits alle Charakteristiken von Weben aufweist: mittels einer Verschnürung der Garne in Litzen in unterschiedlicher Reihenfolge so heben und senken, dass mit dem durchgeschossenen Faden ein stabiles Gewebe entsteht. Mehr dazu auf dem Internet unter dem Stichwort Backstrap Loom.
Ich habe danach noch mindestens zwei weitere Kurse zu Backstrap-loom besucht. Eben, vom Prinzip einfachstes Weben, ohne Webstuhl oder Webrahmen und alle Techniken können geübt werden, also «gerade-durch» Leinenbindung, das heisst ein Faden längs, ein Faden quer, wechselweise, so entstehen Kreuzungen, die sich selbst stabilisieren. Oder dann eben Muster einlegen, indem man bestimmte Kettfäden aufnimmt, Ziergarne einlegt und dann im Gegenfach die Fäden wiederaufnimmt und so weiter. Wie sich in späteren Kursen herausstellt, ist Backstrap-loom eigentlich der Vorgänger von Kamm- und Brettchenweben. Aber dazu dann ein anderes Mal.

Was allen diesen Webtechniken gemeinsam ist: sie eröffnen eine Welt an Mustern, Farben, textilen Möglichkeiten und endloser Faszination. Erst drei Jahre nach der ersten Einführung ins Weben habe ich mir dann einen eigenen Webstuhl gekauft, einen 4-Schäftigen ARM A51 Junior mit Metall-Struppen, 6 Tritten und einer Stehlade. Ein herrliches Gerät, gebraucht und in bestem Zustand, mit viel Zubehör. Ausserdem einen Tischwebrahmen mit Untergestell, sozusagen der Nachfolger des Backstraploom, etwas stabiler und mit festem Gestell. In der kreativen Arbeit hat sich dann der Webstuhl wirklich bewährt. Für die ersten Jahre einfach zu bedienen, einfach zu verschnüren, stabil und mit 100 cm Webbreite genau richtig zum Üben und erste (gute) Gewebe herzustellen.
Aber … die Reise geht weiter. Mehr demnächst.

«… mit diesen Zweibeinern muss man viel Geduld haben. Der Teppich ist doch völlig ok.»
