Pensioniert und endlich Zeit!
Mitte 2020 wurde ich endlich von meinen beruflichen Pflichten befreit und in Pension geschickt. Hallo Freiheit, ich komme!
Mitten im Lockdown einer weltweiten Pandemie natürlich nicht so einfach. Und alle Pläne, die zuvor für den grossartigen Moment gemacht wurden, verkommen zu Makulatur und mutieren zu laufender Planung (was natürlich absurd ist, entweder Planung oder ad-hoc-Umsetzung).
Zunächst galt es, die Wohnung und meine Besitztümer so zu organisieren und vor allem reduzieren, dass dann die Restmenge zu Hause in Scuol auch je ihren individuellen Platz fand. Nicht Teil dieser Restmenge waren dann leider auch die Webinstrumente in Winterthur. Laila und der Web Kamm würden in meiner Web Stube keinen Platz haben.
Und die Webstühle in Scuol mussten altersgerecht eingerichtet sein. Das hiess in diesem Fall Junior musste durch einen gleichartigen Webstuhl, aber mit ergonomisch altersgerechter Trittaufhängung ersetzt werden. Junior würde dadurch dann leider keinen Platz mehr haben. Es galt also zunächst für Laila und Junior einen artgerechten und schönen Platz bei Weberinnen zu finden, an dem sie wieder zum Einsatz kommen konnten.
In all den Jahren konnte ich eine gute Beziehung zu Zürcher Stalder im Emmental aufbauen und Cornelia Zürcher war auch sofort behilflich und hat die beiden Webstühle und den Web Kamm auf dem Marktplatz der Weberinnen in Facebook ausgeschrieben. Da ist keine Woche vergangen, da fand Junior eine begeisterte Weberin aus dem Vinschgau und Laila zwei Wochen später eine angehende Weberin aus Baden-Württemberg. Vinschgau natürlich nahe bei Scuol und dann hatte Junior ganz schnell ein warmes Plätzchen und konnte sofort wieder in den Einsatz.
Baden-Württemberg ist ziemlich nahe bei Winterthur und so kam auch Laila in gute Hände. Für den Web Kamm fand sich dann leider kein neuer Eigentümer, also wurde für den eine Holzkiste gefertigt, in dem er eingelagert einen seinen Winterschlaf hält und auf aktive Zeiten wartet.

Das pied-à-terre in Winterthur wurde Mitte Juni geräumt, das Inventar teilweise verkauft oder an Brockenstuben vergeben und dann fertig. Wo Junior einst stand klaffte in Scuol klaffte aber eine grosse Leere. Obwohl Eeva immer wieder neue Projekte aufgezogen bekam, ist es doch ein anderes Weben, vollständig manuell und per «pedes apostolorum» sozusagen auf einem «analogen» Webstuhl. Die Arbeit an einem vollständig manuellen Webstuhl geht langsamer voran, nimmt mehr Zeit und Energie in Anspruch. Und wenn’s die Weberin dann packt, lässt sich der Einzug aber vor allem die Verschnürung bei nur 4 oder 8 Schäften einigermassen speditiv anpassen. Die Arbeit ist meditativer, oder ich empfinde es einfach nur so.
Eeva hat 16 Schäfte und meist webe ich natürlich mit allen eingezogen. An sich wäre das Muster auf Eeva auch recht einfach zu ändern, einfach den Zettel im Computer anpassen. Die Bedingung, dass das funktioniert ist, dass ein möglichst einfacher Einzug gewählt wurde, also gerade durch von rechts hinten nach links vorne oder umgekehrt. Und man sollte sich bereits bei der Planung gut überlegen, ob man Rauten, Spitzen, Blumen oder andere Muster weben möchte. Bei 16 Schäften kann der Einzug dann durchaus in Arbeit ausarten, wenn man den mitten im Projekt ändern möchte.
Und das ist halt schon so eine Passion, mitten im Projekt etwas anderes, Neues ausprobieren. Das führt schlussendlich dazu, dass jedes so gewebte Stück ein Unikat ist, keines gleich wie das andere. Das macht dann auch die Faszination des Webens aus. Die Variationen sind unendlich und immer wieder anders.
Da ich meinen analogen Junior so sehr vermisste, konnte ich nicht widerstehen und habe mir Eevita bestellt, als Pensionsgeschenk an mich selbst. Ein analoger Webstuhl, mit 8 Schäften, gleiche Webbreite wie Junior, also 1 m, und 10 Tritten. Der wurde im Juli dann geliefert und von Cornelia Zürcher fachgerecht aufgestellt.

Danach gings ans fertig einrichten und einweben (ist schon besser, wie bei einem Auto: einfahren ist wichtig und man muss sich aneinander gewöhnen). Eevita ist ein schnuckeliger mittlerer Webstuhl mit Stehlade (Eeva hat eine Hängelade) und stabil genug, dass ich damit wieder alles weben kann, vom feinen Geschirrtuch bis zum dicken Teppich (allerdings maximal 1 m breit, aber viel breiter kann ich mit meinen Armen auch gar nicht greifen) passt also. Und jetzt, nach einem halben Jahr ist alles auf der richtigen Höhe. Und ich habe die Unterlagen endlich wiedergefunden, in denen ich die Tips von Maikki Karisto (eine Kursleiterin aus Finnland, die jedes Jahr bei Zürcher Stalder unterrichtet) notiert hatte. Die Schäfte, Schemel und Tritte sind nun alle 21 cm auseinander aufgebunden und das Fach öffnet sich perfekt beim Weben. Leider war es in dem hektischen 2020 (tönt merkwürdig, ich weiss) während einer Pandemie, mit Unfällen und der Umstellung auf die Pensionierung derart geschäftig, dass ein Kursbesuch bei Maikki nicht mehr drin lag. Kurse, die ich seit 2016, nach Möglichkeit kein Jahr ausfallen liess, da habe ich unglaublich viel gelernt.
Genauso wie auch die kurzen Workshops bei Mieke van Santen in der Wärchstube Klosters. Aufgezogene Webstühle, auf denen in zwei Tagen Produkte gewebt werden konnten. Und im Anschluss gab es immer noch einen Theorietag, an dem die Verschnürungen und Patronen, die Grundprinzipien der Webarbeit erläutert und vertieft wurden.

Hier zum Beispiel die Sitzmatte in Doubleface mit Teppichwolle von Vetsch Spinnerei im Prättigau.
2020 lag zum ersten Mal seit 2011 kein Kurs drin, da einfach zu viel los war. Pensioniert-werden ist eine hektische, zeitintensive Angelegenheit.
Darum bald mehr im nächsten Blog, vielleicht komme ich dann langsam zur Ruhe.
