Slapton Sands

Endlich verspricht der frühe Morgenhimmel etwas Regen. Das heisst, es ist seit Wochen zum ersten Mal etwas bedeckt. Der Tag beginnt wie meist, wenn ich plane eine etwas grössere Strecke zu fahren. Zuerst einmal Chemie-Toilette leeren, dann duschen, mit den Hunden kurzen Morgenspaziergang (hier ist kein langer möglich), dann Frühstück und Innenreinigung des Randulin. Trotzdem ist um neun Uhr bereits alles fertig. Die Fahrt nach Slapton Sands dauert ungefähr drei Stunden. Das bedeutet, ich komme mindestens eine Stunde zu früh im Camp an. Folglich muss ich irgendwo unterwegs eine längere Pause einlegen.

Die Strecke führt fast schnurstracks nach Süden von Bude aus. Eigentlich läge ein Umweg über Land’s End drin. Das würde die Strecke verdoppeln. Die Strecke verliefe dann mehrheitlich über Landstrassen, was dann wiederum zu einer Verdoppelung der Fahrzeit führt. Keine schönen Aussichten. Dann halt Direttissima quer über Land.

Nach anderthalb Stunden stehe ich unvermittelt in Plymouth auf der Brücke mit einer Mautstation. Unterwegs hat sich keine Gelegenheit für eine Pause ergeben. Oder diese waren mit Verkehrsschildern in so schmale Strassen gekennzeichnet, dass ich daran vorbei war, bevor ich recht realisieren konnte, worum es geht. Von Plymouth aus sind es nur noch 46 Kilometer bis Slapton Sands. Das kann unmöglich anderthalb Stunden dauern.

Da habe ich die Rechnung mal wieder ohne die englischen Strassenbauer (wohl vielmehr Strassen-Nicht-Bauer) gemacht. Vierzehn Kilometer Autobahn und dann ist Schluss mit Lustig. Die restlichen sechsundzwanzig Kilometer geht’s auf immer enger werdender Strasse immer langsamer vorwärts.

Da ich dem Navi die Programmierung auf die kürzeste Strecke immer noch nicht raus habe, führt es genau diese Anweisung aus. Natürlich ist der Randulin nur 2,04 Meter breit an der breitesten Stelle. Die letzten zehn Kilometer geht die Fahrt über eine 2,22 Meter breite Strasse. Die ist aber nur unten auf dem Asphalt so breit. Links und rechts hats Mauern mit überhängender Vegetation. Und manchmal führt die Strasse in den Wald hinein.

Kein schönes Gefühl in ein unbekanntes, dunkles Loch mit einem 2,85 Meter hohen Auto einzutauchen. Ich schwitze Blut und Wasser. Einen Kilometer vor Slapton dann links ein Schild «Strasse ungeeignet für schwere Fahrzeuge, Breite maximal 2,22 Meter». Und keine Möglichkeit umzudrehen. Die Strasse ist seit neun Kilometer nur 2,22 Meter breit, mit Ausweichstellen zwar. Aber da könnte ich den Randulin niemals umdrehen. Und neun Kilometer rückwärts ist auch keine Option.

Dann halt Augen zu und mutig vorwärts. In Slapton hats dann seitwärts keine Vegetation mehr, sondern drei Meter hohe Mauern. Und Kurven. Durch ein über sechshundert Jahre altes Sachsen-Dorf. Die wurden so gebaut, dass jedem Räuber die Lust am Rauben und Morden angesichts der verwinkelten Gassen glatt verging.

Es nützt alles Schwitzen und Überlegen nichts. Ich stecke mittendrin. Jetzt geht’s nur noch vorwärts. Und runter. Am Turm vorbei mit einer Steigung von 15%, in die schmalen Gassen rein, mit Tunnelblick, einfach nicht links oder rechts schauen. So wie ich das im Fahrtraining gelernt habe, immer genau in die Mitte schauen, wo ich hinwill. Dann geht sicher alles gut.

Und mitten im Dorf geht die Strasse um eine Linkskurve (da sieht man auf jeden Fall nichts), mit rechts parkierten Autos, den Hang wieder hoch. Auch mit 15% Steigung. Und oben gleich wieder um eine Rechtskurve. Mit rechts parkierten Handwerkerautos. Links fahre ich bei den Häusern schon fast über die Treppenabsätze.

Und endlich Licht und das Ende des Tunnels, respektive Dorfes. Keine parkierten Autos mehr, keine Mauern, die Strasse schlagartig wieder Doppelspurig. Und keine hundert Meter dahinter die Einfahrt zum Camp.

Ich habe tatsächlich für die letzten vierzig Kilometer anderthalb Stunden benötigt. In dieser Zeit bin ich aber sicher um hundert Jahre gealtert. Trotzdem, es ist erst zwölf Uhr mittags, also tatsächlich eine Stunde zu früh. Ich parkiere auf den Besucherparkplätzen. Und gehe endlich mit den Lumpazzi spazieren.

Der Spaziergang dauert etwas länger. Die Gegend ist schön. Nach einer Viertelstunde stehen wir an einem Kieselstrand. Linker Hand fängt die Steilküste an. Man sieht bis Dartmouth. Also eigentlich nur bis zur Landzunge, auf der Dartmouth Castle steht. Rechts dehnt sich Kilometerweit der Kieselstrand.

Wir laufen Richtung Dartmouth, durch ein Naturschutzgebiet, das den Slapton Ley vom Meer trennt. Nach einer Stunde erreichen wir ein Café. Dort bekommen die Lumpazzi etwas von meinem Flapjack ab und ich einen ordentlichen Cappuccino. Danach verschwindet auch langsam mein adrenalingetränkter Tunnelblick. Und wir können gemütlich zurück zum Randulin. Um fünfzehn Uhr dreissig ist dann alles eingerichtet. Nun endlich Feierabend.

Morgen ist geplant Dartmouth Castle zu besichtigen. Möglichst ohne enge Strassen.

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