Abbotsford House

Der Tag fängt wieder einmal früh an. Die Kaninchen vor dem Randulin sind sich offenbar ihrer Osterpflichten bewusst. Sie sind bereits früh um halb sechs am Mümeln. Zorro und Nanno versuchen sie lautstark zu verjagen. Offenbar stellen die Mümelmänner eine akute Gefahr für Frauchen dar. Und das möchte so gerne noch etwas Schlafen.

Dann halt aufstehen, duschen gehen und anschliessend längerer Morgenspaziergang. Vielleicht werden die Lumpazzi so etwas Energie los. Danach Frühstück und Randulin fertigmachen. Da ist es erst halb zehn. Trotzdem fahre ich los Richtung Melrose und Abbotsford Haus. Sollte das visitors center noch nicht offen sein, müssen wir halt zuerst einen längeren Spaziergang am Tweed unternehmen.

Die Fahrt ist mir bereits gut bekannt, darum kommen wir auch innert kürzester Zeit an. Die Parkgebühr bezahle ich gleich für den ganzen Tag. Das Wetter verspricht schön und warm zu werden. Dann können wir auch gleich die Umgebung in vollen Zügen geniessen.

Zuerst dann eben ein langer Spaziergang. Die Angabe «Tweedbank» halte ich für die Richtige Richtung ans Ufer des Flusses. Nach einer Viertelstunde stellt sich heraus, es handelt sich um den nächsten Ort. Der liegt zwar am Tweed. Der Spaziergang führt dann aber durch ein Wäldchen am Rande des Ortes, über einen grossen Sportplatz und dann an einen See mitten im Ort. Alle Seen heissen hier Loch, dieser spezifische Gun Knowe Loch. Er ist voller Enten und Schwäne. Ein paar ältere Damen auf ihrem Spaziergang sind sie am Füttern.

Zorro ist gar nicht einverstanden und versucht einen zudringlichen Schwan zu vertreiben. Eher keine gute Idee, der Schwan faucht aggressiv, offenbar in der Meinung, Zorro würde ihm die Brotkrumen streitig machen wollen. Wir treten zügig den Rückzug an. Danach führt der Weg fast direkt zurück zum Parkplatz beim Abbotsford Haus.

Ich versorge die Hunde mit Wasser und einigen Leckerli. Zum Haus und ummauerten Garten haben Hunde keinen Zutritt. Nach den Aufregungen des Morgens sind die beiden ohnehin ausreichend müde, dass sie erst einmal schlafen werden.

Ich mache mich auf zum Haus, bezahle den Eintritt und verbringe die nächste Stunde damit, die Sammelleidenschaft von Sir Walter Scott zu bewundern.  Das riesige Haus wurde zuerst auf der Basis eines Bauernhauses ausgebaut, dann das Cottage abgerissen und durch ein grosses Sandsteinhaus im damals modernen Baronnet-Stil ersetzt.

Ursprünglich Rechtsanwalt, dann Sheriff von Selkirk, dann als sehr erfolgreicher Schriftsteller im romantischen Stil konnte er sich ein rechtes Einkommen erwirtschaften. Seine Sammelleidenschaften (Waffen, Bücher und dieses Haus, das ständig aus- und umgebaut zu repräsentativen Zwecken hergerichtet wurde) waren nicht gerade günstige Hobbies. Dazu dann noch die napoleonischen Kriege, die England erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten bescherten. Dann braucht es nur noch eine Wirtschaftskrise und Sir Walter Scott war nahe am Konkurs.

Das wollte er so nicht seinen Nachkommen hinterlassen. Er hat seine letzten Lebensjahre damit verbracht, mit der Schriftstellerei die Schuld soweit abzutragen, dass die Familie und das Haus überleben konnten. In den letzten sechs Lebensjahren konnte er die aufgelaufenen Schulden halbieren. Die übrige Hälfte wurde dann mit dem Verkauf der Rechte an einigen seiner Bücher getilgt.

Der Ruhm und die Bekanntheit von Sir Walter Scott brachten es mit sich, dass er sehr viele Besucher hatte. Denen zeigte er voller Stolz seine Sammlungen und das Haus. Die Besucher scheinen auch zu seinen Sammlungen (besonders der Bücher) beigetragen zu haben. Beim Inventar durch den Trust wurden fantastische Preziosen gefunden, wie Einzeldrucke aus dem 15ten Jahrhundert.

Bereits 3 Wochen nach seinem Tod wurde das Haus dem Publikum geöffnet. Es verzeichnet auch heute noch einen stetigen Strom von Besuchern. Seine Bücher werden immer noch aufgelegt, häufig in zeitgemässer Sprache editiert.

Ein sehr spannender Morgen, macht Lust, die Bücher zu lesen. Leider (oder zum Glück) habe ich etwas wenig Platz im Randulin, sonst würde ich wahrscheinlich einige Exemplare kaufen. Es sind spannende Geschichten, mit Gesellschaftskritik und viel Humor.

Nach diesem ausgiebigen Ausflug in die Romantik von «Ivanhoe» und «the bride of Lamermoor» genehmige ich mir ein Mittagessen im Café. Anschliessend könnte der heutige Tag abgeschlossen werden. Da es so schön sonnig und warm ist, schnappe ich mir die Lumpazzi und wir gehen auf einen zweiten langen Spaziergang. Danach ist es bereits vier Uhr nachmittags, Zeit zum Camping in Lauder zurückzukehren.

Das war ein schöner, gemütlicher und lehrreicher Ostersonntag. Morgen geht die Fahrt nach North Berwick. Die Lokalität auskundschafte. Herausfinden, wo dieses Scotish Seabird Center ist, einen grossen Parkplatz finden und eventuell einen Küstenspaziergang unternehmen. Wenn dann noch Zeit ist, fahre ich runter zum St. Abb’s Head, dem zweiten Vogelschutzgebiet, das von Ruth empfohlen wurde. Wie ich auf der Karte sehen konnte, liegt das allerdings etwas sehr weit südlich. Vorerst lasse ich es auf mich zukommen.

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