Nach Calais

Diese verflixten Kampfkaninchen sind immer wieder früh auf. So auch meine Lumpazzi. Um fünf Uhr dreissig ist Jagen angesagt. Auf dem Bett im Randulin, in voller Lautstärke. Da hilft nur noch ein time-out für den Lautesten, für Zorro. Der kann es jeweils gar nicht fassen, wie frech diese kleinen Nager vor seiner Nase herumhoppeln.

Nun bin ich aber schon wach, da kann ich auch gleich duschen gehen. Der Wecker wäre ohnehin um sieben Uhr (nicht) abgegangen, ich hatte das iPhone am Vorabend auf lautlos gestellt, weil ich noch etwas Sudoku spielen wollte. Das elende Geklicke bei jeder Taste macht mich jeweils rasend. Für den Morgen wäre noch gut gewesen, ich hätte die Lautstärke wieder eingeschaltet. Aber ist jetzt auch egal. Zorro’s Jagdrufe sind lauter als jeder Wecker.

Nach der Dusche dann ein langer Morgenspaziergang. Vielleicht hilft das etwas, das Adrenalin abzubauen. Die beiden jagen aber fröhlich weiter. Wo Wald und Naturreservat sind, hats auch Kaninchen. Nach einer halben Stunde breche ich die Übung ab. Für heute ist genug Krafttraining. Jetzt gibt’s erst mal Frühstück, dann Randulin bereit machen. Heisst Chemie-Toilette leeren, Grauwasser ablassen, Gas abdrehen, Müll entsorgen und Innenreinigung. Dann noch die Buchungsbestätigung des Shuttle einblenden, die Euro herauskramen, die britischen Pfund wegräumen und die Pässe bereitlegen.

Dann kann die Abschiedsfahrt von Canterbury nach Folkestone losgehen. Bewusst nicht allzu früh und auch nicht zu spät, also um neun Uhr dreissig. Das Navi findet einen Weg in gerader Linie nach Folkestone. Noch etwas schmale Landstrassen. Das ist heute hochwillkommen. Gemäss BBC-Verkehrsfunk staut es an diesem Samstagmorgen überall, trotz der frühen Stunde. Um zehn Uhr erreiche ich die Einfahrt zum Eurotunnel.

Gemäss Navi ist alles sehr einfach, immer geradeaus und nach dem Check-in nach links zur pet reception. Vor dem Check-in stauen sich die Autos. Die Computer machen grad etwas Probleme. Egal, mein Zug geht erst um elf Uhr vierundfünfzig, ich habe reichlich Zeit. Nach einigem Herumgeirre nach dem Check-in – es hat einfach zu viele Spuren und zu wenige Verkehrsschilder – finde ich die pet reception. Hier herrscht heute Hochbetrieb. Zum Glück sind alle Schalter besetzt. Ich komme sofort dran. Alles in Ordnung, nur die Microchips hinter dem linken Ohr der beiden Lumpazzi gescannt und schon erhalte ich den Sticker.

Die Frau am Schalter fragt mich noch, ob ich einen früheren Zug nehmen möchte, sie könnte mich gerade noch auf den elf Uhr dreissig einchecken. Ja warum nicht, dann bin ich schneller in Calais und finde in der aire de camping sicher einen Platz. Nur unterschätze ich wieder mal die nächsten erforderlichen Schritte: Passkontrolle, Autokontrolle, französische Passkontrolle und dann noch auf den Zug fahren. Überall bilden sich längere Schlangen.

Und der Polizist nach der Passkontrolle findet, ich müsste auch noch zur physischen Gaskontrolle in eine spezielle Linie einfahren. Jetzt nur keine dummen Bemerkungen oder Widerworte, einfach schön brav machen wie geheissen.

Bei der Gaskontrolle dann eine recht spezielle Vorgehensweise. Ich muss den Gasherd einschalten und beweisen, dass das Gas abgedreht ist. Die Kontrolleurin ist zufrieden. Dann stehen wir, weil weiter vorn zwei Linien Gaskontrolle und eine Linie normale Kontrolle auf eine zusammengeführt werden. Zum Glück sind das sehr viele englische Autos und nur ein paar wenige Deutsche Drängler. Das Chaos löst sich nach wenigen Minuten auf. Dann noch die französische Passkontrolle. Danach wieder Spurenfahren. Bei tiefster Geschwindigkeit, ohne Hast oder sich drängen zu lassen die richtige für Wohnmobile finden. Nach einem Kilometer Unsicherheit gelange ich an die offene Zugkomposition und fahre (routiniert natürlich, das ist genau das Gleiche wie in den Vereina-Zug reinfahren) und fahre in den Zug rein.

Keine Viertelstunde später sind wir auch bereits unterwegs nach Calais. Das war Massarbeit mit dem Timing. Der Rest ist dann sehr einfach. Und diesmal denke ich daran, das Navi bereits auf dem Zug für die aire de camping in Calais zu programmieren. Auf dem Kontinent muss ich dann daran denken, wieder rechts zu fahren. Ich wurde schon gewarnt: der Linksverkehr in England sei nicht so ein Problem, wie die Rückkehr auf den Kontinent.

Nun kann ich meine Mutter verstehen. Wie wir einmal mit meinem Bruder Thomas, meiner Mutter und ihrem Auto in Leeds zu Besuch waren, hatte sie weniger Bammel vor dem Linksverkehr als auf der Rückfahrt dann Probleme mit dem Rechtsverkehr. Die ersten Stunden hat sie ständig links und rechts verwechselt. Heute kann ich das nachvollziehen.

Keine Viertelstunde nach der Ausfahrt vom Eurotunnel stehe ich mit dem Randulin an der Einfahrt zum Camping-Car Park in der aire de camping. Hier dann an der Säule die Parkkarte für zwei Nächte aktiviert und dann noch einen Platz gesucht. Der ist mittags um dreizehn Uhr (eine Stunde Zeitdifferenz zu England!!) schon recht voll, gemäss Säiule hat es noch fünf freie Plätze. Also husch rein, abgestellt und alles eingerichtet.

Danach geht’s auf einen gemütlichen Strandspaziergang. Der dann doch nicht gemütlich ist. Es hat unglaubliche Mengen Leute. An allen Essensständen bilden sich lange Schlangen. Für die Hunde nicht lustig, es gibt so viel zu schnüffeln und zu naschen und ständig wird man ermahnt. Nach einer Stunde spazieren hängt uns allen dreien der Magen bei den Knien. Etwas zu trinken wäre auch willkommen. Dann halt in einer Strandbar ein Käsepanini und einen Cappuccino bestellt. Die Lumpazzi bekommen Leckerli (und ein Viertel des Panini).

Danach noch wieder der Hindernislauf zurück zum Randulin. Morgen geht der Spaziergang in die andere Richtung, stadtwärts. Calais hat eine lange und kriegerische Geschichte.

Die Nacht wird sehr unruhig. Das liegt vor allem an mir. Wenn ich Zeitung lese, interessiere ich mich hauptsächlich für Politik, das Weltgeschehen und den Bergsturz im Wallis, Fussball ist nicht so mein Ding. An diesem Abend findet das Finalspiel von Paris St.Germain gegen Bayern München statt, Champions Ligue, wenn ich nicht irre. Das hatte ich nicht auf dem Radar. Die Franzosen rund um uns herum feiern ausgelassen und laut.

Zum Glück fliesst dabei auch jede Menge Alkohol. Am nächsten Morgen sind sie platt. Ein ruhiger Campingplatz und an der Epicerie frische Baguettes und jungen Camembert. Lecker. Das gibt ein super Sonntagsfrühstück. Auch die Lumpazzi bekommen etwas Baguette ab, das lieben sie über alles.

Danach geht’s auf zum langen Spaziergang in die Stadt. Zuerst zur Zitadelle. Von der ist nicht viel übrig nach dem zweiten Weltkrieg. Sie wurde von allen Seiten genutzt und bis am Schluss fast vollständig zerstört. Auch Calais selbst wurde stark zerstört. Heute präsentiert sich die Stadt wiederaufgebaut, mit breiten Boulevards und schönen Parks.

Auch das Hotel de Ville wurde restauriert mit einem schönen Glockenspiel. Vor dem Hotel de Ville steht die Gedenkstatue von Rodin. Sie ruft das Opfer der sechs führenden Bürger von Calais im hundertjährigen Krieg gegen England von 1347 in Erinnerung.

Im Park neben dem Hotel de Ville wurde ausserdem in einem Bunker der Wehrmacht ein Museum zum Gedenken an die Kriege eingerichtet. Gleich neben einer Nachbildung des Brunnens der drei Grazien von Versailles, die nach den napoleonischen Kriegen hier erstellt wurde. Der Spaziergang zeugt von den vielen Kriegen, die diese Stadt erlebt hat, aber auch von den vielen Widersprüchen, die solche Kriege hinterlassen.

Und schon wieder ist es früher Nachmittag, Zeit umzukehren und zum Randulin zurückzulaufen. Nun ruhen sich die Lumpazzi aus. Noch ein paar Fotos verarbeiten, dann alles aufladen. Diesmal mit Hotspot, hier steht kein Wlan zur Verfügung. Morgen geht es dann weiter nach Reims. Reims war die erste Kathedrale meines Lebens. Auf der allerersten Auslandsreise meines Lebens durfte ich diese Kirche vor siebenundfünfzig Jahren zum ersten Mal sehen. Jetzt bin ich gespannt, ob sie mir immer noch so viel Eindruck macht.

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