Battle Abbey
In der Nacht muss es geregnet haben. Die Strasse hinter dem Randulin ist nass. Ich habe so gut geschlafen, dass ich davon nichts mitbekommen habe. Vielleicht lag es auch daran, dass ich ausnahmsweise den Randulin mit der Nase in den Wind gestellt habe gestern Abend. Und nicht wie sonst rückwärts ein parkiert. Damit wollte ich nur das Kindergekreische etwas ausblenden. Hier auf dem Camping scheinen viele Familien Ferien zu verbringen. Die Kinder müssen ihre Energie loswerden. Warum man dazu in den höchsten (und lautesten) spitzen Tönen kreischen muss, ist mir ein Rätsel. Scheint aber ungemein befriedigend zu sein.
Nur dem Schlaf meiner Lumpazzi (und auch mir) ist das nicht so förderlich. Darum dann den Randulin umgedreht und siehe da, es wird deutlich ruhiger. Jedenfalls schlafen wir alle drei bis um acht Uhr. Das Städtchen Battle ist nur ungefähr zehn Kilometer entfernt. Mit Umwegen und hohlen Gassen, allenfalls Strassensperren ergibt das zwanzig. Das sollte auf jeden Fall in einer halben Stunde zu schaffen sein.
Darum gemütliche Morgenroutine (ohne Innenreinigung, das hat Zeit bis später) und gegen zehn Uhr los Richtung Battle. Diesmal ist das Ziel so nah, dass fast nur Landstrassen möglich sind. Während der Fahrt nach Battle frage ich mich die ganze Zeit, wie das Wilhelm der Eroberer im Jahr 1066 nach der Landung in Norman’s Bay mit seiner Armee von immerhin 7’000 Mann mit Pferden gemacht hat. Damals gab es noch keine Strassen hier, nur Wälder, möglicherweise ein paar Felder, aber ganz sicher sehr viel undurchdringliche Landschaft. Für die kurze Strecke brauche ich tatsächlich fast eine Stunde. Dank Umleitungen, gesperrten Strassen und hohlen Gassen wird die Strecke fast doppelt so lang und viel langsamer zu fahren.
Unterwegs fängt es immer wieder an zu regnen. Nichts Ernsthaftes, nur ein paar Tropfen. Noch während dem Fahren überlege ich, ob die Lumpazzi ihre Regenmäntel tragen sollten. Wäre etwas unbequem für sie und aufwändig für mich (ich müsste sie aus der Hundekiste ausgraben). Wie wir auf dem Parkplatz der English Heritage ankommen, sind alle Überlegungen weggeblasen. Bei engen Verhältnissen erst einmal den Randulin irgendwo abstellen, wo er niemanden in den Weg kommt, aber auch nicht durch den zunehmenden Wind beschädigt werden kann.
Nach einer Viertelstunde ist auch das geschafft. Dann wäre da nur noch die Parkgebühr. Für Mitglieder ist die zwar frei, man müsste aber den Barcode auf der Mitgliederkarte scannen. Da ich bis jetzt nur eine temporäre Mitgliederkarte habe, geht das nicht. Die hat keinen aufgedruckten Barcode. Ein freundliche Frau rät mir, einfach an die Reception gehen die Mitgliederkarte zeigen und das Problem schildern.
Die Lumpazzi haben jetzt keine Regenmäntel an und es tröpfelt auch schon wieder. Dann muss es halt so gehen. Wenn sie nass werden, kann ich ihnen immer noch im Randulin ihre Badmäntel anziehen.
Als erstes schauen wir uns einen Film über die battle of Hastings an. Der Schlachtverlauf wurde anhand des Teppich von «Bayeux» rekonstruiert. Es handelt sich um eine Erzählung aus der Sicht des Siegers. Nun ja, gewonnene Schlachten werden fast immer aus der Sicht des Siegers erzählt. Aus dem Kommentar des Films geht allerdings unterschwellig auch das Bedauern der Besiegten hervor. Interessanterweise wird am Ausgang der Ausstellung eine Entscheidungsfrage gestellt. Man könnte sich auf die Seite König Haralds stellen (der besiegte englische König) oder auf die Seite Wilhelms des Eroberers. Auf beider Herkunft wird in der Ausstellung eingegangen.
Nach heutiger Rechtsvorstellung wäre Wilhelm der Eroberer nichts anderes als ein räuberischer Normanne, der als unehelicher Sohn eines normannischen Adligen unter einem erfundenen Vorwand sich eine Karriere als König und ein ordentliches Stück Land sichern wollte. Dazu ist anzumerken, dass England um die Jahrtausendwende eines der reichsten Länder Europas war (obwohl, Europa in diesem Sinne gab es damals nicht, gemeint ist die Landmasse Kontinent). Der Reichtum betraf sowohl Kultur (eine Folge der römischen Besetzung), die Bewirtschaftung (Wolle, Nahrung, Zinn, Kupfer und Eisen) wie auch die gesellschaftliche Entwicklung (viele kleine Fürstentümer gleichberechtigt vereint unter einem König). Mit dem Tod von Edward III, der alles geeint hatte, und ohne direkte Erben starb, wurde England zum frei verfügbaren Sparschwein, wie man heute sagen würde.
Der Verlauf der Schlacht – sowohl gemäss Teppich von Bayeux wie auch Ausgrabungen und Erzählungen – wurde von einer klassischen Wikingerlist entschieden. Der Angreifer wendet sich scheinbar zur Flucht vom Schlachtfeld, der Verteidiger bricht die Linie, verfolgt die Flüchtenden, wird von der Kavallerie eingekreist und abgeschlachtet. Dies ein paar Mal wiederholt und der Schildwall der Verteidiger wird dünner und lässt sich durchbrechen.
Was ich persönlich erstaunlich fand, dass diese List mehrfach funktioniert hat. Man würde erwarten, dass Harald dies einigermassen schnell durchschaut hätte. Da dieser jedoch zu Fuss inmitten seiner Armee kämpfte, konnte er keine Übersicht gehabt haben. Was mir nicht besonders schlau erscheint. Als Führer mitkämpfen ist gut und recht. Führen heisst aber auch Probleme erkennen und lösen. Ausserdem wäre gut, eine Idee zu haben, wohin und wie. Sonst kommt das nicht gut.
Ganz im Gegensatz dazu Wilhelm der Eroberer. Dessen stärkste Krieger (wahrscheinlich ein Drittel seiner Armee) waren ebenfalls zu Pferde. Damit schnell, flexibel und dem Gegner zu Fuss auch bezüglich Reichweite deutlich überlegen. Das grösste Problem, das Wilhelm zu lösen hatte, war den Schildwall durchlässig zu machen. Und er musste hügelaufwärts kämpfen. Für die Fusssoldaten mit ihren schweren Schilden, Lanzen und Äxten (Schwerter waren meist dem Adel vorbehalten) dürfte dies keine einfache Aufgabe gewesen sein.
In der Ausstellung stehen Nachbildungen der verwendeten Waffen. Die Besucher dürfen diese in die Hand nehmen. Ziemlich schwer die Dinger. Ich frage mich, wie man damit einen Hügel hochstürmen kann. Kommt noch dazu, dass die Leute damals sehr jung waren (nach heutigem Ermessen wahrscheinlich zwischen 16 Jahren und 30 Jahren) und nicht besonders gross (zwischen 1,50 Meter und 1,70 Meter). Die normannischen Schilde in konischer Form dürften einen Mann fast vollständig bedeckt haben, also alles andere als handlich zum bergauf rennen.
Zuviel Kopfarbeit. Das schreit nach einem langen Spaziergang an der frischen Luft. Die Lumpazzi begrüssen den Wald- und Wiesenspaziergang. Leider fängt es unterwegs dann ernsthaft an zu regnen. Der Pfad ist interessant angelegt und erläutert den Angriff und die Topografie. Der Regen geht in Niesel über, es kommt Wind auf. Damit wird es langsam unangenehm.

Um 1070 hat Wilhelm I– jetzt bereits gesalbter König von England – den Auftrag erteilt, an der Stelle der Schlacht eine grosse Benediktinerabtei zu errichten. An der Stelle, an der Harald von England getötet wurde, stand damals der Hochaltar. Die Abtei und Kirche wurden bereits 1074 fertiggestellt. Nur wenige Jahre danach, konnte an gleicher Stelle ein mächtiges Kloster mit einer Steinkirche errichtet werden.
Die Abtei aus Stein ist recht gut erhalten. Sie wurde vierhundert Jahre später durch Henry VIII im Zuge des Streits mit der Kirche aufgelöst und teilweise zerstört.
Die Lumpazzi sind mittlerweile pitschnass und suchen jedes Plätzchen, das etwas Schutz vor dem peitschenden Regen verspricht. Zeit, den Spaziergang abzubrechen und zum Randulin zurückzukehren. Dort werden sie erst einmal gründlich abgerubbelt und erhalten ein paar Leckerli. Danach geht es auf verschlungenen Wegen gemäss Navi zurück zum Camp an der Norman’s Bay.
Dort entlädt sich mittlerweile ein veritabler Sturm. Das Meer kocht. Jetzt wird auch klar, warum der Kieseldamm so hoch sein muss. Der bricht die Energie der Wellen. Es sieht eindrücklich aus. Auch Stunden später, beim Abendspaziergang hat der Wind nicht nachgelassen. In Böen schätze ich auf acht Beaufort. Zorro macht das keinen Spass. Nachdem er sein Geschäft erledigt hat, macht er rechtsumkehrt und will zum Randulin zurück. Nanno ist noch nicht ganz so weit. Da müssen noch ein paar Schritte mehr sein. Dann ist aber schnell genug.

Jetzt sitzen wir seit einigen Stunden trocken und warm im Randulin. Draussen heult der Wind ums Auto. Ab und zu schmeisst er Himmel einen Kübel Wasser herunter. Zeit, alle Jalousien zu schliessen und das Reisetagebuch fertig zu schreiben. Den Blog aufladen geht bei diesen Verhältnissen nicht. Das Wetter beeinträchtigt den Wlan-Empfang nachhaltig, ich fliege ständig raus. Das muss dann warten, bis alles wieder stabiler ist. Ob ich morgen zum Birling Gap runterfahre und die Wanderung zu den Klippen «seven sisters» unter die Füsse nehme, hängt stark vom Wetter ab. Bei Sturm wie heute wäre das nicht ratsam.
