Tantallon Castle
Pläne sind Pläne, einfach eine grobe Richtungsangabe, wohin es gehen könnte. Nach der Morgenroutine entscheide ich mich spontan, das Wetter an der Küste schon heute zu testen. Letzte Woche hatte ich an der Küste meist besseres und vor allem trockeneres Wetter als hier im Landesinneren. Da die Morgenroutine heute etwas länger gedauert hat, fahre ich erst um 10 Uhr los. Zuerst mal Richtung Tantallon Castle. Das liegt an der Nordostküste und sollte eine ordentliche Sehenswürdigkeit sein. Ausserdem dürften rundum lange Spazierwege locken.
Die Fahrt geht nur die ersten Kilometer auf der Autostrasse Richtung Edingburgh. Danach quer über Land nach Nordosten. In erstaunlich kurzer Zeit fahre ich am klitzeklein ausgeschilderten Parkplatz erst mal vorbei. Nach 50 Metern ergibt sich die Gelegenheit zu wenden. Ich muss nach rechts abbiegen und fahre prompt auf der falschen Strassenseite zurück. Zum Glück bemerkt die entgegenkommende Autofahrerin meinen Irrtum und weist mich mittels Lichthupe auf meinen Fehler hin. Mir fährt es kalt über den Rücken. Sofort wechsle ich die Strassenseite. Ich bedanke mich und bin auch bereits am Parkplatz. Nun erst einmal tief durchatmen und mich orientieren.
Obwohl es sich um einen Coach-Parkplatz handelt, stehen jede Menge Personenwagen herum. Ausgerechnet alle grösseren Parkbuchten für grosse Fahrzeuge sind besetzt. Darum stelle ich einfach in der Mitte neben einen kleinen Hüpfer ab. Das wird dann schon passen, wegfahren können alle.
Der Eingang zum Schlossgelände ist 50 Meter weiter. Wir laufen hin, ich löse einen Eintritt. Diesmal vergünstigt mit der english heritage Karte. Dann schauen wir uns diese riesige Schlossruine an. Vier Meter dicke Grundmauern, 30 Meter hohe Türme, wahrlich wehrhaft schaut das Teil aus, sogar als Ruine noch beeindruckend. Um die 1350 von einem schottischen Adligen erbaut, durch Erb- und Streitwirren in eine Nebenlinie der Douglas gelangt und dann bis zu Cromwell im 16ten Jahrhundert ständig von den roten Douglas mehr oder minder loyal zu den schottischen Königen gehalten.
Während dieser Jahrhunderte wurde es immer wieder um- und ausgebaut. Bis ins 16te Jahrhundert galt die Festung als uneinnehmbar. Von drei Seiten vom Meer umgeben musste eigentlich nur eine Seite sehr wehrhaft ausgebaut werden. Der neuen Kriegsführung durch Kanonen und neuartige Feuerwaffen, mit der Cromwell das Land überzog und Schottland unterwarf, widerstanden dann die dicken Mauern von Tantallon nicht mehr. Nach 2 Wochen intensivem Beschuss war die Bresche in der äusseren Wehrmauer gross genug, dass die Belagerer eindringen konnten.
Das Schloss wurde nach der Wiedereinführung des Königtums nicht wieder aufgebaut und verfiel langsam. Bis im 19ten Jahrhundert, im viktorianischen Zeitalter mit dem aufkeimenden romantischen Patriotismus die Ruine ins Blickfeld sogar der Königin geriet. Danach wurden die Ruinen soweit stabilisiert und restauriert, dass sie zu einer Sehenswürdigkeit wurde. Mit Tantallon ist auch eine typische schottische Familiengeschichte verbunden, wie man sie von einem mächtigen Clan wie den Douglas erwarten darf.
Das Schloss liegt hoch über der Küste. Theoretisch sollte man von der Südseite aus mehrere seltene Seevögel sehen können. Bis zum Bass Rock reicht die Sicht allerdings nicht. Also genau genommen den vulkanischen Felsen im Meer mit seinem Leuchtturm sieht man schon. Die riesige Kolonie Basstölpel sieht man auf diese Entfernung nicht.

Wir kehren mal zum Randulin zurück. Der Parkplatz hat sich gefüllt. Es kommen immer noch mehr Autos an. Das Chaos nimmt von Minute zu Minute zu. Die Autofahrer sind nicht immer die Cleversten und stellen einfach irgendwie irgendwo hin. Also nichts wie weg hier, solange das noch geht. Ich entschliesse mich spontan, nach North Berwick zum Scottish Seabird Center zu fahren. Vielleicht erfahre ich dort, wie und wo ich Seevögel in Ruhe beobachten und fotografieren könnte.
Die Fahrt nach North Berwick dauert nur wenige Minuten. In der Kleinstadt selbst einen Parkplatz zu finden, scheint mittags um 13 Uhr ausgeschlossen. Ich fahre den Parkplatzzeichen nach und lande schlussendlich fast einen Kilometer ausserhalb auf einem Parkplatz ganz am Ende der Strasse. Wenigstens komme ich hier wieder weg. Das Seabird Center ist fast zwei Kilometer weit weg.
Der Küstenpfad zum Wandern fängt dafür gleich hinter dem Randulin an. Er verläuft zwar entlang einem riesigen Golfplatz, dafür immer der Klippe entlang. Nach einer Weile laufen wird mir das mühsame Auf und Ab auf abschüssigem Pfad zu dumm und ich laufe, wie alle anderen Hundebesitzer, runter zum Strand. Hier ist das Laufen viel einfacher, weil topfeben. Nach einer Stunde der Küste entlang ist genug. Wegen der vielen Leute mit freilaufenden Hunden ist Vogelfotografie ausgeschlossen.
Wir kehren um. Um 15 Uhr sind wir wieder zurück beim Randulin. Ich überlege noch kurz, ob ich zum Seabird Center zurückfahre. Angesichts der komplizierten Verkehrsführung (überall hats Einbahnzeichen, die haben hier einen ganzen Schilderwald hingestellt) lasse ich das dann. Ich programmiere den Campingplatz in Lauder und fahre zurück. Auch wieder über Land, diesmal jedoch Diretissima.
Bereits um 16 Uhr sind wir wieder vor Ort und eingerichtet. Das gibt heute einen frühen gemütlichen Feierabend. Die Ereignisse in North Berwick lassen mir jedoch keine Ruhe. Ich recherchiere etwas auf dem Internet. Dabei finde ich heraus, es fahren Boote zu drei Vogelfelsen hinaus. Die weitere Suche zeigt dann allerdings, bis am Dienstag sind alle Fahrten ausgebucht. Da stellt sich die Gretchenfrage: für Dienstag eine Fahrt buchen oder nicht?
Das würde heissen, ich fahre morgen Sonntag nochmal nach Abbotsford. Montag dann nach St. Abb’s Nature Reserve und bei dieser Gelegenheit, früh am Morgen einen Abstecher nach North Berwick, um die Lokalität etwas zu erkunden. Ein Parkplatz in der Nähe des Seabird Center wäre sehr wünschenswert. Für anderthalb Stunden Fahrt auf einem offenen Zodiac nehme ich die Hunde sicher nicht mit.
Nach längerem Überlegen buche ich. Dann müssen wir Thirlestane Castle auslassen. Werden wir aber überleben. Auf dieser Reise sehen wir sicher noch genug Schlösser. Seevögel kann ich aber nur an der Küste fotografieren.
Für heute ist genug angestellt. Noch etwas Zeitung lesen und dann früh schlafen gehen. Auf Tantallon Castle und anschliessend beim Küstenspaziergang wurden wir ordentlich durchgeblasen. Das Wetter war den ganzen Tag einigermassen schön, teilweise bewölkt und ständig mit einem eisigen Wind aus Westen. Hoffentlich hält das bis Dienstag.
