Nach Süden – Scone

«Oben» am Loch Ness wird es bereits sehr spät Nacht. Richtig Nacht mit stockdunkel also erst gegen zweiundzwanzig Uhr. Das verführt immer wieder zu Nachtschichten mit Zeitunglesen, Buchlesen und sehr späten Abendspaziergängen. Das war auch gestern Abend wieder der Fall. Kommt dazu, dass das Wetter zwar unberechenbar, aber momentan sehr schön ist. Ausserdem wird die Schlafphase dadurch sehr kurz. Egal wann ich ins Bett falle, die Lumpazzi sind mit Tagesanbruch fit und munter.

Da bleibt mir dann nichts anderes übrig als aufstehen, duschen und anschliessend spazieren gehen. Danach Frühstück und Randulin alles fertig machen. Diesmal auch Chemietoilette und Grauwasser leeren. Obwohl, eigentlich wäre beides noch nicht dringend. Frischwasser ist auf 50 %, das heisst ausreichend Wasser für die nächsten zwei Tage. Zum Fahren ideal, das bedeutet weniger Gewicht.

Gegen zehn Uhr ist alles erledigt. Scone liegt nicht sehr weit weg, nur gerade 200 Kilometer, also rund drei Stunden Fahrt. Das Navi erzählt ständig irgendwas von «zeitlich beschränkter Durchfahrt». Das bedeutet meist, dass es die richtige Einfahrt in den Campingplatz nicht identifizieren kann. Das ist dann ein Thema, wenn wir in Scone sind.

Jetzt erst mal auf «single track roads» sechsundzwanzig Kilometer am Loch Ness entlang Richtung Fort William. Kurz davor an einer grösseren Kreuzung zweigt die Route dann ab Richtung Perth. Das liegt kurz östlich von Scone, also die richtige Richtung. Die Fahrt geht gemütlich auf einer Autostrasse dahin.

Um zwölf Uhr erreichen wir einen grösseren Touristen-hot-spot, das «house of Bruar». Keine Ahnung, was das sein könnte. Nach zwei Stunden Fahrt ist ohnehin Zeit für eine Pause. Also fahre ich auf den nächstbesten grösseren Parkplatz. Der Ort entpuppt sich als Outlet für rustikale Kleidung, alles aus Wolle. Sieht sehr schön und sehr köstlich aus. Kleidung habe ich momentan genug an Bord und beim Tweed habe ich ohnehin bereits etwas über die Stränge geschlagen.

Gemäss iPhone sollten sich in der Nähe auch Wasserfälle finden lassen. Ich irre etwas auf dem zweiten, riesigen Parkplatz herum. Dann frage ich mal einen Mann, der gerade am Rasenmähen ist. Sogar durch den starken schottischen Akzent verstehe ich, dass der Eingang zum Pfad zu den Wasserfällen genau auf der anderen Seite des Parkplatzes ist. Also alles wieder zurück, am Einkaufszentrum und allen Restaurants vorbei. Dann versteckt zwischen zwei Hinterhöfen endlich der Wegweiser zu den Wasserfällen.

Diese entpuppen sich als romantische (und sehr steile) Idylle. Unterwegs wird immer wieder vor dem steinigen Pfad, dessen Steilheit und den ungesicherten Felsen in die Schlucht gewarnt. Die Lumpazzi und ich, wir sind uns derlei gewohnt. Ich habe das richtige Schuhwerk an. Die Lumpazzi haben ihren eingebauten Vier-Pfoten-Antrieb.

Wir kommen gut voran. Trotzdem, der Spaziergang dauert, wie angegeben, eine gute Stunde bis zur obersten Brücke und zurück. Die Schlucht wurde im Gedenken an den schottischen Poeten Robert Burns mit über 100’000 Bäumen bepflanzt. Leider grassiert gerade eine Pilzkrankheit unter den Lärchen und schottischen Pinien. Darum wurde zumindest im oberen Teil der Schlucht der Wald fast kahlgeschlagen. Natürlich wurden neue, meist Laubbäume gepflanzt. Das dürfte eine Weile dauern, bis hier wieder in angenehmem Schatten spaziert werden kann.

Also mehr gewandert. Der Weg ist steil und sehr steinig. Auch die schottischen Wegebauer pflegen die Direttissima hoch und runter. Völlig verschwitzt und die Hunde mit hängenden Zungen kommen wir wieder am Ausgangspunkt an. Ich überlege noch kurz, den Hunden wieder ein Eis zu spendieren und mir einen Cappuccino zu genehmigen. Angesichts der Menschen- und Hundemassen im Innenhof des Einkaufs- und Touristenzentrums der Bruar-Falls komme ich von dem Vorhaben ganz schnell wieder ab.

Im Randulin ist es mittlerweile richtig heiss. Die Lumpazzi haben die Wasserschüssel ruckzuck leer. Meine Wasserflasche ist auch fast alle. Das heisst, jetzt mal zügig die Klimaanlage runter auf achtzehn Grad und weiter geht die Fahrt Richtung Scone.

Es dauert keine Stunde, da kommen wir in Scone selbst gemäss Navi an der Einfahrt zum Campingplatz an. Das hat nur einen Fehler. Die Strasse ist tatsächlich gesperrt. Und nicht nur zeitlich beschränkt befahrbar. Da stehen vier sehr solide aussehende Pfosten, die sehr dauerhaft in der Strasse verankert jegliche Durchfahrt zu jeder Zeit verhindern.

Also wieder mal auf engstem Raum umgedreht und das iPhone eingeschaltet. Das führt dann ziemlich verwirrend mitten nach Scone hinein und in einem Kreis wieder auf dem gleichen Weg zurück. Ich traue der Geschichte nicht so recht. Beide Navigationssysteme wollen wieder in die gleiche Einfahrt rein, die so dauerhaft gesperrt ist. Also fahre ich geradeaus weiter.

Auf der Herfahrt habe ich an dem grossen Ortseingangskreisel ein Schild zu den «racecourses» mit dem Campingzeichen unten dran gesehen. Probieren wir das mal. Und siehe da, der Entscheid war richtig. Plötzlich wissen beide Navis, dass dies der richtige Weg zum Camping ist.

Gegen vierzehn Uhr dreissig kommen wir am Eingang an. Gerade richtig. Wir werden freundlich in Empfang genommen und dann an den ausgesuchten Platz geleitet. Auch hier wiederum wird der Randulin mit Kennerblick und Bewunderung taxiert. Ich bin geschmeichelt (wie immer). Der Randulin ist immer ein gutes Thema für einen freundlichen Plausch und gute Informationen.

Eine Viertelstunde später ist alles eingerichtet, die Lumpazzi angeschirrt und wir spazieren los Richtung Rennbahn. Gemäss Gespräch kann man rundherum laufen. Sollten nur gerade drei Kilometer sein, also eine knappe Stunde. Wieder einmal unterschätze ich das schöne Wetter und Hitze bei kompletter Windstille im schottischen Nordosten.

Nach anderthalb Stunden sind wir wieder beim Randulin. Den Lumpazzi hängt die Zunge fast bis zum Boden. Sie sind völlig platt. Das gibt dann heute einen frühen Feierabend. Kommt gerade recht. Die Strecke morgen bis Bowness on Windermere im Lake District bereits in England ist sehr lang mit fast 350 Kilometern. Gemäss Navi sind das 4 Stunden reine Fahrzeit.

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