Cheddar Mendip Heights
Der Tag scheint heute nicht so heiss zu werden. Die Uhr zeigt Nieselregen. Nach der Dusche am Morgen früh ist von Nieselregen nichts zu sehen. Im Gegenteil, der Himmel wird wieder strahlend blau, kein Wölkchen zu sehen. Auf dem Morgenspaziergang wird es bereits warm, und das um acht Uhr morgens. Die Hunde dürfen draussen frühstücken. Bis ich dann alles aufgeräumt und gereinigt habe, bleiben sie hinter dem Randulin in der Sonne liegen.
Um zehn Uhr ist dann alles bereit und keine Ausrede mehr. Die kurze Fahrt, heute nur 160 Kilometer soll auch nur anderthalb Stunden dauern. Auf dem Navi sehe ich keine Sehenswürdigkeiten in der Nähe der Route. Da muss ich während dem Fahren schauen, ob ich etwas finden kann, womit wir noch etwas Zeit totschlagen können.
Kurz vor der Auffahrt nach der M6 in Richtung Bristol fahre ich an eine Tankstelle (mit einem Spar!!!!) ran. Fülle erst mal Diesel auf und erstehe anschliessend drei Flaschen San Pellegrino, etwas frischen Lattich Salat, Tomaten, eine Gurke und Äpfel. Das gibt heute Abend endlich etwas Grünes zwischen die Zähne.
Kurze Zeit auf der M6, dann auf einer weiteren Autobahn und schon sind wir mitten in Bristol. Und die haben eine Umweltzone. Überall sind Tafeln zu sehen, man solle die Umweltgebühr online bezahlen. Keine Ahnung wie und wo. Für die Ringstrasse um Bristol herum scheint sie nicht zu gelten. Ich folge stur dem Navi. Bei solch komplexen Verhältnissen gilt, auf den Verkehr aufpassen, keine Abzweigfehler machen und möglichst niemanden behindern. Ich schwitze wieder mal Blut und Wasser.
Ich kann mit dem Randulin nach 22’000 km zwar gut umgehen, aber Städte be- oder durchfahren bereitet mir nach wie vor Kopfzerbrechen. Stress pur. Nach einer halben Stunde ist zum Glück alles vorbei. Erstaunlicherweise scheint das Navi genau diese Zeit einkalkuliert zu haben. Ich setze die Fahrt nach Süden fort. Es sind höchstens noch sechsundzwanzig Kilometer. Jetzt müsste dann bald einmal eine Sehenswürdigkeit auftauchen, sonst sind wir bereits um dreizehn Uhr beim Camping.
Jawoll, Glück gehabt. Es taucht ein Verkehrsschild (nicht sehr gross??) zur «Cheddar Gorge» auf. Also wieder mal den Ton vom Navi ausgeschaltet und abgebogen. Nach einigen hundert Metern halte ich an und programmiere das Zwischenziel Cheddar Gorge. Es kann nicht schaden, wenn man etwas genauer weiss, wohin die Reise geht.
Die Schlucht erweist sich tatsächlich als Schlucht. In diesem scheinbar flachen Gelände ziemlich verblüffend. Der Cheddar hat sich hier offenbar ziemlich tief in die Mendip Heights eingegraben auf dem Weg zum Meer, also zuerst zum Fluss Axe und dann zum Meer. Diese Sandsteinhöhen sind recht weich. Und ergeben ein eindrückliches dramatisches Bild. Die Schlucht wird gegen Ende immer enger. Die Parkplätze werden voller. Das hätte mir als Warnung dienen sollen.
Weiter unten mündet die Schlucht recht plötzlich ins Städtchen Cheddar. Das entpuppt sich dann als englisches Interlaken. Touristenbuden und Schnellimbisse links und rechts. Eine enge Strasse mitten durch, teilweise vollparkiert und mit Abzweigern in volle Parkplätze. Ausgangs Cheddar finde ich dann einen grossen Parkplatz für den Randulin. Und mühe mich wieder mal minutenlang mit dem Telefonbezahlsystem herum. Dann entscheide ich mich, werfe ein paar Münzen ein. Eine Stunde, das muss reichen für dieses Gewusel, um die Schlucht zu finden, eventuell den Wasserfall, etwas originalen Käse zu kaufen und vielleicht ein paar Leckerli für die Lumpazzi.
Wir laufen zurück Richtung Schlucht. Das Einzige, was wir finden, ist ein Eingang zu Höhlen und zu einem Aussichtspunkt. Da dürfen Hunde nicht rein. Die Treppe zum Wasserfall ist kurz, der Wasserfall noch kürzer. Alles ein wenig enttäuschend. Auf dem Rückweg komme ich an einer Käserei vorbei.
Also hier sollte jetzt originaler, englischer Cheddar-Käse erhältlich sein. Nicht diese Eurogummi-Proteinklumpen, die nach nichts schmecken. Leider nehmen sie keine schottischen Banknoten an. Immer dieses Geld-Drama in Grossbritannien. Schottland ist zwar United Kingdom, darf aber eigene Noten drucken. Diese müssen dann in England nicht unbedingt angenommen werden, weil Schottland eben Schottland ist und nicht England. Das heisst, ich darf wieder mal auf die Suche nach einer Bank oder einem Postoffice, um die Dinger zu tauschen. Ich bezahle mit Karte.
Der anschliessende Weg zum Camping ist kurz, eng und steil. Es stellt sich heraus, dass ich nur acht Kilometer entfernt bin. Beim Camping angelangt erklärt mir die Frau am Tresen, um die Schlucht zu geniessen müsse man viel weiter oben in einen Spazierweg einsteigen und auf keinen Fall bis nach Cheddar runterlaufen. Ich könne aber auch einfach auf den Mendip Heights spazieren, das sei weit und lang und gehe über schöne Blumenfelder.
Nachdem alles eingerichtet ist, laufen wir entsprechend der Karte los. Die ist allerdings sehr englisch. Keine Kompassangaben, einfach Punkte und Linien mit verbalen Erklärungen, durch welche Gatter und Felder in Richtung welcher Masten man laufen solle. Ich verlaufe mich hoffnungslos. Es ist zwar schön, aber auch heiss und unübersichtlich. Überall Hecken und Bäume und Büsche. Keine Ahnung, wohin ich laufe. Das iPhone hat auch Mühe, kein sehr guter Empfang und bekommt keine Route gerechnet, wie wir wieder zum Camping zurückkommen.
Die Lösung: Beim nächsten Gatter laufen wir raus auf die Strasse. Nicht ungefährlich. Engländer fahren auch auf engen, zweispurigen Strassen mit 100 kmh, wenn sie dürfen. Randstreifen ist in dieser Gegend eher schmal. Die Lumpazzi weigern sich standhaft darauf zu laufen. Kann ich verstehen. Er ist mit Abfall übersäht. Dafür findet das iPhone wieder eine Route zurück zum Camping.
Nach einem Kilometer auf dieser Raserstrecke kommt endlich der Abzweiger in eine ruhige Seitenstrasse, einspurig und für Lastwagen gesperrt. Danach nur noch zügig zurück zum Randulin getrottet. Und endlich etwas zu Essen gemacht. Die Hunde bekommen eine Riesenportion Leckerli. Heute schenken wir uns den Abendspaziergang. Wir sind alle drei geschafft. Morgen dürfen wir ausschlafen. Da steht die Kathedrale von Wells und der Bischofs-Garten auf dem Programm. Das ist knapp zehn Kilometer in die andere Richtung entfernt. Dank der Frau an der Reception weiss ich sogar, wo ich für zwei Stunden gratis parkieren kann.
