Norman’s Bay
Eine stürmische Nacht geht vorbei. Ich bin immer wieder aufgewacht. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich, nach den letzten heissen Wochen, einen Platz im Schatten gewählt. Im Schatten grosser Bäume. Wenn dann nachts gerade mal ein Sturm durchläuft, mit hohen Windgeschwindigkeiten, ist das nicht besonders komfortabel. Die Bäume schützen zwar etwas gegen den Wind. Der Wind kann aber auch grosse Äste herunterreissen. Wenn du dann mit dem Camper genau darunter stehst, kann das unangenehme Folgen haben. Das haben wir im Jahr 2019 in Dresden erlebt. Wir waren da mit einem gemieteten Hymer auf Deutschland-Tour. Immer noch am Ausprobieren, was unseren Bedürfnissen am besten gerecht wird. Ehemals Ostdeutschland ist da ein prima Testgebiet. Schlechte, schmale Strassen, kulturell top mit vielen Sehenswürdigkeiten und viele gute Stellplätze zentral in grossen Städten.
Item, der Stellplatz in Dresden war günstig und nur zwanzig Laufminuten von der Dresdener Altstadt und dem Zwinger entfernt. Mit schattigen Bäumen auf drei Seiten. Und diese schattigen Plätze waren alle bereits besetzt, wie wir ankamen. Also nahmen wir mit einem freistehenden Platz Vorlieb. In der Nacht fegte dann ein plötzliches Gewitter mit starken Böen über die Stadt und hat mindestens ein Wohnmobil gleich gegenüber unserem mit einem Ast kaputtgeschlagen. Die Eigner sahen recht mitgenommen aus am Morgen, als alle aus den Federn krochen. Kein schöner Anblick und geplante Ferien sind dann ruckzuck vorbei.
Trotzdem, am Sonntagmorgen, wie ich nach ein paar Stunden Schlaf rausschaue, sind alle Äste noch oben, der Randulin steht mit fast sauberer Frontscheibe solid auf seinen vier Rädern. Alles in Ordnung. Dann kann die Morgenroutine ablaufen. Diesmal volles Programm, mit Chemie-Toilette entleeren, Grauwasser ablassen und gründliche Innenreinigung. Das Frühstück darf etwas länger dauern. Ich möchte nicht vor elf Uhr losfahren. Die Fahrt nach Norman’s Bay dauert gemäss Navi zweieinhalb Stunden. Vor dreizehn Uhr wird kein Platz verfügbar sein.
Ich schaffe es genau auf zehn Uhr sechsundfünfzig aus dem Platz zu fahren. Diesmal habe ich das Navi auf die schnellste Route programmiert, nicht mehr auf die Kürzeste. Mal schauen, ob das hilft, dass ich nicht ständig in hohle Gassen reingelotst werde.
Es funktioniert. Ich fahre permanent auf zwei- bis dreistelligen Autostrassen. Das bedeutet auch, sie sind mindestens zweispurig mit Mittelstreifen. Es kann dann noch links und rechts hohe Hecken und Mauern haben, die Strasse ist aber verlässlich mindestens vier Meter vierzig breit.
Leider bedeutet dies auch, dass ich von Kreisel zu Kreisel fahre, öfters mal in einen kleinen Stau gerate und auch Baustellen nicht umfahre. Wie immer im Leben, alle goodies gibt’s nicht auf einmal. Die Fahrt dauert dann doch 3 Stunden und endet genau zur richtigen Zeit.
Die Reception ist gerade am alle einfahrenden oder bereits wartenden Camper am Abarbeiten. Keine Viertelstunde später steht der Randulin auf seinem Platz und ist angeschlossen (an den Strom). Ich schnappe mir die Lumpazzi und gehe mit ihnen an den Strand spazieren.
Nach der langen Fahrt darf es ein längerer Spaziergang sein. Wir laufen auf dem Kieselstrand in Richtung Bexhill und Klippen. Diese winken in weiter Ferne. Das Laufen in dem tiefen Kieselstrand ist ordentlich mühsam. Wir kommen kaum vorwärts. Nach einer Stunde haben wir gerade mal das nächste Urlaubs-Dörfchen geschafft. Das reicht dann auch. Zorro mag diese Art Strand nicht. Er sucht ständig festen Boden. Der wäre aber nur unten an der Tidengrenze zu finden. Und dahin will ich nicht. Wir müssten schlussendlich wieder durch das rutschige Zeug wieder nach oben auf den Damm.
Wir laufen auf der anderen Seite des Damms runter zur Fahrstrasse. Da fahren ohnehin nur wenige Fahrzeuge. Und wir können endlich normal laufen. Nach anderthalb Stunden sind wir wieder beim Randulin.
Eigentlich genug früh, um noch Tagebuch zu schreiben. Aber heute ist Sonntag und die Zeitung ist immer noch nicht gelesen. Ausserdem müsste ich noch etwas für die nächsten drei Tage planen, was wir anschauen könnten. Also etwas Konkreter darf das schon sein.
