Reims

Der Morgen beginnt bedeckt, aber gemütlich. Keine Kaninchen, keine Enten in der Gegend, die Lumpazzi schlafen bis halb acht. Und diese Nacht auch kein Fussballfest oder anderweitige Feiern, die Franzosen gegenüber im Campingplatz sind am Abend ruhig. Heute Morgen, wie wir endlich aufstehen und zu unserem Morgenspaziergang aufbrechen ist sowohl der Campingplatz wie auch der Wohnmobilstellplatz fast leer. Offensichtlich Montagmorgen, wir haben den Strandspaziergang für uns allein.

Danach ordentlich Frühstück, diesmal ohne Baguette (die Folgen von glutenhaltigem Brot wären zum Fahren nicht glücklich), dann alles aufräumen. Da ich nicht sicher bin, ob ich an den nächsten Haltestellen gute Entsorgungsmöglichkeiten vorfinde, wird vorsichtshalber das Grauwasser abgelassen und die Chemietoilette entleert. Das ist hier etwas eine Sauerei. Die Entsorgungsstation liegt ausserhalb des Stell- und des Campingplatzes und wird offensichtlich von jedermann be- und genutzt. Nicht alle scheinen zu begreifen, dass die Grauwasseröffnung nicht für Chemietoiletten vorgesehen ist. Und auch nicht alle scheinen zu begreifen, wie die Chemietoiletten-Entsorgung zu verwenden ist. Ziemlich unhygienisch das Ganze.

Danach geht die Fahrt los Richtung Reims. Der Stellplatz liegt etwas an der Peripherie von Calais. So fahre ich bereits nach zehn Minuten Kreiseln auf die Autorute Richtung Paris, Metz und Nancy. Das ist zwar eine mautpflichtige Autobahn. Wie ich aber von der Herfahrt noch in Erinnerung habe, die kürzeste Verbindung nach Reims und auch die am problemloseste zu Fahren. Kaum Verkehr, keine Staus, immer geradeaus, nur ab und zu ein Autobahnkreuz.

Nach zwei Stunden verlangt Nanno eine Pause. Das kommt mir sehr gelegen. Ich fahre in eine Raststelle rein und wir laufen ein paar Schritte. Danach ist es nur eine weitere Stunde bis nach Reims. Bei der Ausfahrt nach Reims ist alles einfach. Geradeaus Richtung centre und cathédrale.

Danach fangen leider die Probleme an. Das Navi ist total verwirrt. Ich auch. Drei Mal fahre ich im Kreis durch die Altstadt. Immer darauf bedacht, keine der Einbahnen in der falschen Richtung zu durchfahren. Drei Mal sehe ich die Kathedrale aus unterschiedlichen Richtungen. Der gesuchte Wohnmobilstellplatz müsste in zehn Minuten Gehdistanz zur Kathedrale liegen. Nachdem ich eine Runde nach der anderen rundherum gedreht habe, alle Altstadtgassen im Schritttempo abgefahren bin, komme ich zum Schluss, das Navi hat keine Ahnung (das iPhone übrigens auch nicht).

Ich fahre zurück an den Anfang der Misere und an den Boulevard Paul Bocusse. Et voilà, rechts unterhalb der Brücke, gleich beim Fussballstadion sehe ich Wohnmobile parkiert. Jetzt nur noch irgendwie da runter und neben den anderen parkiert. Der gesamte riesige Parkplatz dahinter, vor dem Stadion, ist eingezäunt und durch einen Zirkus belegt. Der Stellplatz weist viele Sperrtafeln auf.

Da scheint sich aber niemand darum zu kümmern. Platz hat es auch genug. Also parkiere ich den Randulin neben einem anderen Camper. Dann steige ich erst mal aus und erkundige mich bei der ersten Person, die ich antreffe, ob man hier über Nacht abstellen dürfe und wo die Gebühr zu bezahlen wäre. Sie meint nur, aber selbstverständlich, die anderen tun es ja auch. Und diese Plätze seien in der Regel gratis. Da müsse ich mir keinen Kopf machen, das sei schon in Ordnung.

Also dann bleiben wir hier über Nacht. Ich schnappe mir die Lumpazzi und mache mich auf Richtung Kathedrale. Das erweist sich tatsächlich als sehr einfach. Zu Fuss immer geradeaus, über die Brücke, Richtung Altstadt. Anders als in Canterbury führen hier die Gassen sternförmig auf die Kathedrale zu.

Bei der Kathedrale, rund darum herum und an der Baute selbst, inklusive Bischofspalast wird umgebaut, renoviert und modernisiert. Ein einziges Bauchaos. Zum Glück ist die Kathedrale so gross (und alt), dass zumindest aussen nicht alles auf einmal eingerüstet und renoviert werden kann. Sie ist immer noch so beeindruckend, wie ich sie in Erinnerung habe. Die Wasserspeier sind teilweise bereits renoviert, teilweise mit Gras bewachsen. Die Fassade ist teilweise gereinigt, teilweise noch mit Russ und Brandspuren von den beiden Weltkriegen bedeckt. Sehr eindrücklich diese ganzen Widersprüche.

Der Majestät der Baute tut all dies keinen Abbruch. Eine der ersten gotischen Kathedralen, die überhaupt gebaut wurden. Auf den Fundamenten von zwei Vorgängern. Die erste Kathedrale geht noch vor Karl den Grossen zurück. Die erste Kathedrale wird auf 400 AD datiert. Ist also noch älter als das Kloster St. Augustin bei Canterbury. Hier nahm die Christianisierung Frankreichs ihren Anfang. Karl der Grosse liess die zweite Kathedrale auf den Fundamenten der ersten bauen. Bis und mit dem hundertjährigen Krieg gegen England im vierzehnten Jahrhundert war Reims die Krönungskirche und der Hauptsitz der französischen Könige. Sie wurde immer wieder mal niedergebrannt, in den Weltkriegen bombardiert und trotzdem immer wieder nach den Plänen von ungefähr 1100 AD wieder aufgebaut. So chaotisch und ungeordnet die Baustelle momentan anmutet, so sehr ist sie auch Zeuge des Willens des französischen Volkes, diesen Zeugen einer über tausendjährigen Geschichte lebendig und zugänglich zu erhalten.

Der Weg zurück zum Randulin braucht dann etwas Instinkt. Das iPhone findet sich in den Altstadtgassen immer noch nicht zurecht. Ich laufe mit den Lumpazzi geradeaus in Richtung der grösstmöglichen Kreuzung, die ich in der Ferne erspähen kann. Das war genau richtig. Dann nach rechts über die Brücke auf den Boulevard Paul Bocusse und schon sind wir wieder beim Stadion. Danach etwas Zeitung lesen und Faulenzen.

Den Abendspaziergang machen wir dann am Stadion vorbei. Gleich daneben ist ein riesiger Park angelegt. Danach ein früher Abend. Das Einschlafen war nicht einfach. Der Zirkus war offenbar schon ein paar Tage am Zusammenpacken und damit gerade am Schluss angelangt.

Morgen geht die Reise weiter nach Süden, Richtung Schweiz In meinem Wunschcamping Hirzberg bei Freiburg war kein Platz erhältlich (wahrscheinlich bereits der Auftakt zu Pfingsten). Kehl hat sofort zugesagt. Dann geht die Reise halt nur bis Strasbourg. Ist mir auch recht. Da hatte ich ganz zu Beginn dieser drei Monate ein sehr gutes Abendessen genossen. Das wäre noch ein schöner Abschluss.

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