Canterbury Cathedral
Das Wetter weiss hier an der Küste nicht, was es will. Über Nacht muss es geregnet haben, die Strassen sind nass. Auch morgens um sieben Uhr wird die Frontscheibe etwas nass, es scheint leicht zu nieseln. Ich geh dann erst mal duschen, nass ist nass, kommt eigentlich nicht darauf an, woher. Danach zuerst einmal die Chemie-Toilette entleert. Dann Morgenspaziergang entlang der Küste.
Also richtigerweise muss ich zugeben, heute Morgen führt Zorro. Da er den Küstenwind nicht so mag, laufen wir die erste Viertelstunde unten am Kieseldamm entlang. Für den Rückweg dann aber wieder hoch auf den Damm. Unweigerlich findet der kleine Kerl den kürzesten Weg zurück zum Camping, weg vom Wind.
Danach Frühstück und versuchsweise dem Randulin eine Innenreinigung verpasst. Heute völlig hoffnungslos, der Wind kommt quer und bläst die Hundehaare immer wieder rein. Alle Türen aufreissen geht auch nicht, die werden auf der entscheidenden Seite vom Wind gleich wieder zugeweht. Dann halt Abbruch der Übung. Das muss ich an einem windgeschützteren Ort nochmal versuchen.
Um zehn Uhr dreissig fahre ich langsam los. Ich mache noch einen Zwischenstopp bei der Service-Anlage und lasse das Grauwasser ab. Sicher ist sicher. Wenn in Canterbury dann keine günstig gelegene Anlage vorhanden ist, habe ich für die Überfahrt ans Festland schon mal vorgesorgt.
Danach dem Navi Kurs auf Canterbury Camping programmiert. Je nach Route, die ich wähle, dauert die Fahrt zweieinhalb bis drei Stunden. Ich entscheide mich wieder mal für eine Route, die möglichst wenige hohle Gassen und Baustellen enthalten sollte. Am Rande von Pevensey sehe ich ein Verkehrsschild zum Pevensey-Castle.
Darüber studiere ich schon seit Tagen nach, ob und wie ich das noch in meine Besichtigungen einplanen kann. Darum spontan, von der programmierten Route abgewichen und nach links statt nach rechts abgezweigt. Erstaunlicherweise liegt nur hundert Meter hinter der Abzweigung schon ein schön grosser Parkplatz, sogar für Camper hat es extra Felder eingezeichnet. Solche Gelegenheiten sollte man auf keinen Fall verpassen.

Wir steigen aus und begeben uns auf Besichtigungstour. Pevensey-Castle geht auf die Römer zurück. Schon die fanden die Bucht und den Strand für den Verkehr super. Und wie sich anlässlich der Beschreibungen herausstellt, ist Wilhelm der Eroberer auch hier gelandet mit seinen 700 Schiffen (was ich für eine wild übertriebene Zahl halte).
Mit den damaligen Mitteln dürfte es kaum möglich gewesen sein, eine Flotte von 700 Schiffen a) innert kürzester Zeit zu bauen und b) so zusammenzuhalten, dass alle gleichzeitig am gleichen Ort anlandeten. Gemäss dem Teppich von Bayeux sind es zwar viele Schiffe, die sind aber über den ganzen langen Strand von Norman’s Bay verteilt.
Aber ja, heute nicht mehr wichtig. Entscheidend ist lediglich, dass auch Wilhelm der Eroberer und seine Nachfolger den Hafen und das Fort von Pevensey sehr schätzen. Es wurde immer wieder aus- und umgebaut. Schlussendlich sogar für die Verteidigung der Küste im zweiten Weltkrieg nochmals ergänzt. In so Ruinen lassen sich Flugabwehrstützpunkte ausgezeichnet verstecken.
Nach einer Stunde steigen wir wieder in den Randulin. Weiter geht die Fahrt zuerst Richtung Folkestone. Heute ist allerdings etwas der Wurm drin. Überall Baustellen, Umleitungen und teilweise gesperrte Strassen, die dem Navi nicht bekannt sind. Kurz vor Hastings fahre ich drei Mal durch den gleichen Kreisel, bis ich die richtige Umleitung Richtung London finde. Für die nächsten drei Stunden geht es teilweise im gleichen Stil weiter. Erst nach Folkestone zweigt die Küstenstrasse Richtung Canterbury ab. Von da weg wird die Strasse enger, dafür besser zu fahren.
Wir kommen trotz aller Hindernisse und Umwege um vierzehn Uhr dreissig im Canterbury Camping an. Eine Viertelstunde später ist alles eingerichtet. Am Empfang wurde ich aufgeklärt, dass hundert Meter die Strasse runter alle halbe Stunde ein Bus ins Stadtzentrum fährt. Den Besuch der Kathedrale hatte ich eigentlich für morgen geplant. Etwas rekognoszieren kann nicht schaden. So besteigen wir um vierzehn Uhr fünfunffünfzig einen Bus Richtung City-Center.
Der parkiert dann am Busbahnhof. In den Menschenmengen habe ich etwas Mühe, die Orientierung zu gewinnen, wo denn die Kathedrale sein könnte. Das iPhone hilft weiter. Allerdings, Canterbury ist eine über tausend Jahre alte Stadt. Die Gassen sind verwinkelt und laufen alle quer zur Kathedrale. Es ist etwas ein Hindernisrennen durch die Touristenmassen, Fussgängerzonen und Boutiquen.
Wir schaffen das in einer halben Stunde. Ich erstehe ein Ticket und wir dürfen gerade noch hinein. Um sechzehn Uhr wäre Schluss, heute findet noch eine Messe und eine Chorübung statt, da wird ein Teil der Kathedrale für Besichtigungen gesperrt.
Trotz der Eile werden wir im Inneren von einem Benediktinermönch freundlich empfangen. Ich erhalte eine Karte der Anlage und mündliche Instruktionen, wo ich den Schrein von Thomas Becket finde. Übrigens auch hier sind Hunde willkommen und werden freundlich begrüsst.

Die Kathedrale ist wunderschön. Erstaunlicherweise hat sie (fast) unbeschadet über 1’000 Jahre überstanden (die Auflösung der Klöster und die Machtübernahme über die Kirche durch Heinrich VII hat auch hier Spuren hinterlassen). Nach einer Stunde machen wir uns wieder auf den Heimweg zum Randulin. Das muss ich mir morgen nochmal etwas genauer anschauen, vor allem mit mehr Zeit.
Den Rückweg laufen wir, sind ja nur zweieinhalb Kilometer, grobe Richtung nach Süden geradeaus. Nachdem wir den Stadtrand erreichen funktioniert auch das iPhone wieder, in den engen Gassen ist der Empfang nicht besonders gut. Meine Intuition war richtig. Nach einer Dreiviertelstunde stehen wir wieder im Camp. So schlimm war das ja gar nicht. Jetzt bekommen erst mal die Hunde etwas zu Fressen. Ich mache mir die Reste vom Gemüsereis warm. Danach ist Feierabend.
