Harris Tweed
Da es der schönste Platz vor Ort ist und niemand die Aussicht auf den Strand stört, habe ich letzte Nacht die Fensterverdunkelung am Heck nicht runtergelassen. Dumm gelaufen. Morgens um fünf ist Zorro wach und jagd Kaninchen vom Bett aus. Nanno macht einigermassen mit, ist aber auch noch müde. So müde wie ich. Noch ein paar Stunden schlafen wäre schön.
Mit dem jaulenden Zorro nicht zu realisieren. Also wird der erst mal nach vorne verbannt. Da darf er auch zum Fenster rausschauen, da hats aber nicht so viele freche Kaninchen und vor allem kann er nicht mehr auf dem Bett herumrennen. Um acht Uhr dann richtig erholt aufgewacht. Danach Katzenwäsche und ein längerer Morgenspaziergang (bis Zorro alle Kaninchenfährten besnuppert hat, dauert es eine Weile. Zum Glück fängt es an zu nieseln. Beide Lumpazzi werden nicht gerne nass und sie drehen von allein um.
Dann wie immer langes Frühstück. Beim Randulin-Reinigen komme ich ins Gespräch mit meinen Camper-Nachbarn. Sie interessieren sich auch für Tweed und dessen Herstellung. Dann haben wir heute das gleiche Ziel. Zuerst die Ausstellung, dann der Shop in Tarbert. Sie weisen mich noch darauf hin, dass wenn schon Harris Tweed, müsste ich das auch auf Harris kaufen und nicht erst in Stornoway auf Lewis.
Hat er vielleicht Recht, mal sehen, wie es heute läuft. Sie fahren etwas vor mir weg. Ich benötige noch einen Augenblick, um alles fertig zu machen. Danach programmiere ich das Navi auf Tarbert und als Zwischenziel die Ausstellung. Das Verkehrszeichen zur Ausstellung hatte ich gestern linker Hand bei der Herfahrt gesehen. Also muss diese vor Tarbert liegen.
Vor dem Abzweiger zur Ausstellung sehe ich am Wegesrand ein Schild zu einem Camping. Da mache ich einen Abstecher hin. Und eben hier erfahre ich, dass im Mai auf Harris alle Plätze ausgebucht seien. Dann muss ich halt von Tag zu Tag schauen, wo ich übernachten kann.
Die Ausstellung von Harris Tweed ist etwas enttäuschend, zumindest für meine Begriffe. Die Herstellung, der Prozess und die Leute werden zwar gut erläutert. Dabei wird auch sehr pointiert auf die weltweiten Verkäufe, die weltweiten Designer, die mit Harris Tweed arbeiten und einige Kleider und Accessoires von solchen Designern hingewiesen. Die Stücke sind interessant insofern, als sie zeigen, was man mit dem Stoff auch noch alles machen könnte. Der Stil entspricht mir leider nicht, ist doch etwas sehr überzogen, eine Mütze beispielsweise die in Hörnerform ihre Funktion völlig verfehlt. Na ja, bin ich vielleicht etwas gar pragmatisch veranlagt.
Danach dauert es knapp eine Viertelstunde und ich suche in Tarbert einen geeigneten Parkplatz für den Randulin. Bis hierher hat es immer wieder genieselt und in Böen geregnet. Nichts, um mit den Lumpazzi einen Spaziergang zu machen. Auch in Tarbert nieselt es immer wieder. Ich ziehe allein los. Zuerst einen Bancomaten suchen, ich bräuchte dringend etwas Bargeld. Die Übernachtungsplätze werden von den Gemeinden unterhalten und die Camper sind gebeten, einen Obolus in bar in die «honesty-box» zu legen.
Danach laufe ich zum Harris Tweed Shop. Da gibt’s alles Möglich zu kaufen. Bei den Hundemänteln und -Halsbändern überlege ich noch kurz. Mit fast Hundert £ sind die aber eher im Luxussegment (die Hundemäntel. Das benötigen meine Lumpazzi momentan nicht, sie haben Regenmäntel und Pullis dabei. Ich frage an der Theke nach, ob ich den Stoff hier kaufen könne.
Nein, das ist im Laden gegenüber. Also dann den Laden gewechselt. Hier hat es ein langes, hohes Gestell mit unzähligen Stoffballen und zwei Frauen, die die einströmenden Touristen bedienen. Trotzdem, es kommt keine Hektik auf. Die beiden haben alles im Griff. Schon nach kürzester Zeit darf ich meine Wünsche vortragen.
Die Bedienung sucht meine Bestellungen aus einem Musterbuch heraus, zieht dann den richtigen Stoffballen heraus und schneidet die richtige Länge ab. Nach einer Viertelstunde stehe ich wieder draussen mit zwei Taschen und sechs Meter Stoff und das Portemonnaie um 330 £ leichter. Ganz schön teuer, der Stoff. Aber zweifellos einmalig. Wenn das mal keine schönen Jacken werden!!
Nun ist aber Schluss mit lustig. Es ist bereits dreizehn Uhr und ich wollte heute noch nach Lewis. Vorzugsweise auf einen Camper-Platz an der Küste. Wie ich das dem Navi programmiere, zeigt es mir 96 km und zwei Stunden Fahrt an. Dann aber mal hurtig los. Mit den Lumpazzi kann ich sicher vor Ort spazieren.
Die Strassen bis zum Argoil-Camp sind recht gut, manchmal einspurig mit Ausweichstellen, meist jedoch zweispurig. Und im Gegensatz zu Skye praktisch ohne Schlaglöcher. Dafür führen sie um fast jedes Loch. Und davon hat es auf Lewis viele. Zum Glück herrscht sehr wenig Verkehr. Offenbar ist Lewis nicht so sehr im Blickfeld der Touristen, wie Harris.
Nach zwei Stunden kommen wir auf einem Camper-leeren Parkplatz an. Die Kontaktadresse funktioniert zwar nicht. Aber es hat überall Anweisungen, was man tun soll. Dann bleibe ich hier über Nacht stehen und lege zwanzig £ in die «honesty box». Jetzt aber wirklich ein langer Strandspaziergang mit den Lumpazzi. Der verläuft sogar einigermassen trocken. Danach brate ich mir endlich das Rindsentercôte, die Lumpazzi bekommen natürlich ein Stück davon ab.
Nun sitze ich schon wieder zwei Stunden am Schreiben. Draussen windet und regnet es. Grad überlege ich mir noch, mit den Hunden einen Abendspaziergang zu machen. Aber das Wetter ist gar nicht einladend. Ich glaube eher, das gibt wieder einen frühen Feierabend. Morgen geht die Fahrt weiter nach Stornoway. Auf dem Weg dahin sollten wir an mehreren Sehenswürdigkeiten vorbeikommen, unter anderem einem Steinkreis ähnlich wie Stonehenge, nur viel kleiner.
