Wandern im Lake District
Der Tag verspricht sehr warm zu werden. Bereits um sechs Uhr aufgewacht. Der Himmel ist stahlblau und wolkenlos. Perfekt zum Wandern. Hoffentlich im Schatten. Auf jeden Fall muss ich diesmal Wasser für die Lumpazzi und mich mitnehmen. Aber erst mal duschen, dann wie immer Morgenspaziergang (diesmal nicht zu lang, das dürfte heute noch genug werden), dann langes Frühstück.
Um zehn Uhr dreissig bin ich vorne bei der Reception mit den Lumpazzi und frage, ob Chris reinfahren und auf meinem Platz parkieren darf. Um zehn Uhr vierzig machen wir uns dann bereits fertig zum Laufen. Ruth hat ein Picknick mitgebracht. Ich schnappe mir den Rucksack mit den Wasserflaschen und der Kamera (diesmal kleine Linse), die Lumpazzi und los geht’s. Wir laufen zum Fähranleger Nab. Von dort fährt ein Schiff an einer Kette rüber zum Ufer an der Halbinsel gleich gegenüber.
Wir haben Glück und können noch gerade einsteigen. Die Schlange am Anleger war lang, sowohl Fussgänger wie auch Autos und Fahrradfahrer. Offenbar ein beliebtes Ausflugsziel. Chris klärt mich dann auf. Dies ist das zweite Wochenende nach einem Bankholiday. Ausserdem waren die Wettervorhersagen für die ganze Woche gut, mit viel Sonne, kaum Wind und ausserordentlich warm für die Jahreszeit. Darum waren auch alle Campingplätze in der Gegend ausgebucht.
Nachdem wir an der Halbinsel angelegt haben, entscheiden wir uns gemeinsam für eine längere Route. Diese sollte uns zuerst im Wald aufwärts führen. Auf dem höchsten Punkt führt der Weg dann fast eben entlang einer Krete (immer durch den Wald) mehrere Kilometer der Halbinsel entlang, fast bis zum Ende des Sees. Danach in einem sanften Bogen dem Ufer entlang wieder zurück zum Fähranleger.
Womit ich wieder mal nicht gerechnet habe. Es ist zwar nur ein Hügel, nur gerade zweihundert Meter hoch. Aber natürlich steinig geradewegs bergauf. Nach dieser langen, kalten Periode (immerhin fast sechs Wochen zwar meist schön, aber nie wärmer als fünfzehn Grad) macht mein Kreislauf das nicht mit. Das muss ich deutlich langsamer laufen, sonst wird mir übel. Nach einer Weile kommen wir oben an.

Der Wald lichtet sich, es kommt eine leichte Brise auf und die Luft wird besser zu atmen. Bei gefühlten zwanzig Grad im Schatten ohne Brise ist nicht angenehm mit zwei übermotivierten Lumpazzi an der Leine hinter zwei durchtrainierten Wanderern herzurennen. Trotzdem, wir bleiben öfter stehen und bewundern die Umgebung. Hier blühen die Bluebells jetzt richtig. Ganze Teppiche im Wald, zarte, lila Farbtupfer. Das kommt erst richtig zur Geltung, wenn alle blühen.
Der Aufstieg geht trotzdem weiter. Nicht wirklich rennen. Ist nur mein Gefühl. Alter und mangelnde Kondition zeigen mir deutlich Grenzen auf. Oben geht es dann deutlich leichter. Der Kreislauf beruhigt sich und auch mein Magen. So wird das Wandern zum Genuss. An einer schönen Stelle machen wir nach zweieinhalb Stunden Picknickhalt. Zorro beweist seine Kunst im Betteln. Die Lumpazzi schnappen sich die Hälfte meines Brots und ergaunern sich auch je ein Stück Käse. Danach entdeckt Zorro seine Liebe für Gurken, die er sich bei Ruth erbettelt. So ein Schlitzohr. Wenn ich dem zu Hause Gurken offeriere, zieht er höchstens die Nase hoch.
Danach führt der Weg weiter durch einen stark gelichteten Wald. Gemäss den aufgestellten Tafeln mussten viele Lärchen und Pinien gefällt werden, da hier ein Lärchen-Pilz grassiert, der die Bäume absterben lässt. Ausserdem sehen wir viele Sturmschäden von Eowyn vor ein paar Jahren. Es dürfte schwierig sein, hier alles Totholz herauszuholen.
Der Wanderweg führt schlussendlich in einem sanften Bogen zurück ans Seeufer. Nach einer Weile stossen wir dann in Bereiche vor, da baden bereits sehr viele Leute und geniessen den schönen Tag mit allerlei Wasservergnügen. Der Weg entlang dem Ufer zieht sich. Hier dürfen offenbar auch Autos fahren. Alle möglichen auch nur halbwegs tauglichen Flächen sind mit fahrbaren Untersätzen belegt. Fast eine Studie in Parkkünsten und solchen, die es noch werden wollen.
Kurz vor dem Fähranleger liegt noch ein kleines Café. Da gibt’s noch einen The. Danach ist auch bereits Abend und höchste Zeit, die Fähre nach Nab zu besteigen. Sonst müssten wir um den ganzen See herumlaufen, immerhin sechsundzwanzig Meilen, wie Chris erklärt. Er ist das offenbar einmal als Volkslauf gelaufen. Nach sieben Stunden wandern keine erfreuliche Aussicht. Vor allem nicht, nach einem sehr schönen Tag in der angenehmen Gesellschaft von Ruth und Chris. Wir haben stundenlang über alles Mögliche geplaudert, die Zeit verging im Fluge. Dies war der perfekte Abschluss der Reise in Nordengland und Schottland. Morgen gibt’s noch einen Haushaltstag. Das heisst wieder einmal Wäsche waschen, Randulin gründlich reinigen und eher kurze Spaziergänge. Dazu dann noch Reisetagebuch nachführen, Fotos verarbeiten, Rechnungen bezahlen. Einfach alles in Ordnung bringen bevor die Fahrt endgültig nach Süden, zum Delamere-Forest führt.
